„Alles fühlt sich irgendwie anders an.“
Wenn sich die eigene Wahrnehmung verändert
„Irgendwas stimmt nicht.“ So beginnen viele Menschen, wenn sie versuchen zu beschreiben, was mit ihnen passiert. Eine genaue Erklärung dafür fällt zunächst schwer. Die Umgebung ist unverändert, der Alltag läuft weiter und trotzdem hat sich etwas im Erleben verschoben.
Der Kopf fühlt sich benebelt an. Gedanken sind vorhanden, wirken aber weniger klar oder weiter entfernt. Die eigene Wohnung erscheint plötzlich fremd. Menschen, die eigentlich vertraut sind, fühlen sich seltsam weit weg an. Der eigene Körper wird nicht mehr so selbstverständlich erlebt wie früher.
Nach außen ist davon häufig wenig zu sehen. Die Arbeit wird erledigt, Gespräche werden geführt, Termine wahrgenommen. Innerlich besteht jedoch das Gefühl, nicht mehr richtig am eigenen Leben teilzunehmen.
Gehirnnebel und „Watte im Kopf“
Ein häufig beschriebenes Gefühl ist ein Nebel im Kopf, oder das Gefühl, alles wäre in Watte gepackt. Das gesamte Denken kann sich verändert anfühlen. Gedanken wirken langsamer, gedämpft oder weniger unmittelbar. Manche Menschen beschreiben einen Schleier zwischen sich und ihrem Denken oder das Gefühl, nicht mehr vollständig präsent zu sein.
- „Ich bin irgendwie weg, nicht ganz da.“
- „Mein Kopf fühlt sich an wie in Watte.“
- „Ich kann denken, aber es fühlt sich nicht mehr klar an.“
- „Es ist, als würde alles durch einen Filter laufen.“
Solche Wahrnehmungen führen verständlicherweise zu Fragen. Was passiert im Kopf? Ist etwas mit dem Gehirn nicht in Ordnung? Warum fühlt sich das eigene Denken plötzlich so anders an?
Wenn der eigene Körper fremd erscheint
Depersonalisation bezeichnet eine veränderte Wahrnehmung der eigenen Person
Der eigene Körper kann sich fremd oder distanziert anfühlen. Bewegungen werden als automatisch erlebt, die eigene Stimme klingt ungewohnt oder das Spiegelbild wirkt für einen Moment nicht vertraut. Teilweise entsteht der Eindruck, sich selbst von außen zu beobachten.
Dabei ist durchaus klar, dass es der eigene Körper ist. Nur das Gefühl, mit diesem Körper verbunden zu sein, kann sich verändert haben.
Genau diese Diskrepanz macht Depersonalisation für viele Menschen so schwer verständlich. Es geht nicht darum, dass plötzlich vergessen wird, wer man selbst ist. Es geht um eine Veränderung des Erlebens von sich selbst.
Wenn die Welt nicht mehr richtig real wirkt
Bei einer Derealisation verändert sich vor allem das Erleben der Außenwelt
Die Umgebung kann traumartig, künstlich, flach oder weit entfernt wirken. Ein vertrauter Ort sieht genauso aus wie immer und fühlt sich trotzdem fremd an. Farben, Geräusche oder Entfernungen können ungewöhnlich wahrgenommen werden.
- „Ich weiß, dass alles real ist. Aber es fühlt sich nicht real an.“
- „Es ist wie in einem Traum. Wie in einem Computerspiel.“
Wichtig dabei ist, dass die Realität weiterhin als Realität erkannt wird. Nicht die Welt hat sich verändert, sondern das Gefühl, mit dem sie wahrgenommen wird.
Genau deshalb suchen Betroffene häufig lange nach einer Erklärung. Es ist schwer, anderen zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn eigentlich alles unverändert aussieht und sich trotzdem grundlegend anders anfühlt.
DPDR: noch einmal zusammengefasst
Depersonalisation beschreibt die Distanz zum eigenen Körper, zu den eigenen Gedanken, Gefühlen oder zum eigenen Selbst.
Derealisation bezeichnet das Gefühl, dass die Außenwelt fremd, unwirklich oder traumartig erscheint.
Beides kann gleichzeitig auftreten. Dafür wird häufig die Abkürzung DPDR verwendet.
Die Begriffe können wichtig sein, weil sie dem Erleben einen Namen und damit eine Orientierung geben. Was vorher wie etwas völlig Unverständliches erschien, lässt sich plötzlich einordnen.
! Dabei bedeutet eine einzelne Phase von Depersonalisation oder Derealisation nicht automatisch, dass eine Depersonalisation-Derealisation-Störung vorliegt. Solche Erfahrungen können in unterschiedlichen Situationen und Zusammenhängen auftreten. Für eine fachliche Einordnung ist deshalb immer die individuelle Situation entscheidend.
Die Angst, den Verstand zu verlieren
Die Wahrnehmungen selbst sind häufig schon sehr belastend. Hinzu kommen nicht selten Ängste vor dem, was sie bedeuten könnten.
- „Werde ich verrückt?“
- „Verliere ich die Kontrolle?“
- „Was passiert mit mir?“
- „Bleibt das jetzt für immer?“
- „Ist in meinem Gehirn etwas kaputt gegangen?“
Solche Gedanken sind nachvollziehbar, wenn sich die eigene Wahrnehmung plötzlich so stark verändert. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann häufig immer stärker auf den eigenen Zustand. Der Kopf überprüft ständig, ob sich alles wieder normal anfühlt. Jede Veränderung der Wahrnehmung wird registriert. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen, in dem Angst, Selbstbeobachtung und die Wahrnehmung der Symptome miteinander verbunden sind. Es ist ratsam, sich in solchen Situationen psychologische Unterstützung zu holen.
Mit diesem Artikel möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es für dieses schwer beschreibbare Erleben Begriffe gibt. Depersonalisation und Derealisation, kurz DPDR. Worte für das Gefühl, dass der eigene Körper fremd geworden ist, die Welt wie ein Traum erscheint oder das eigene Leben plötzlich aus einer gewissen Distanz erlebt wird.
Und wenn ich nur einen einzigen Menschen damit aus der quälenden Ungewissheit holen kann, was mit ihm los ist, hat es sich schon gelohnt.
